Blogeinträge von Stefan Rippler

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Beruf als Berufung

Copyright des Bildes: RTLPeter Kloeppel ist einer der beliebtesten deutschenNachrichtenmoderatoren. Nach Beendigung seines Abiturs im Jahre 1977 studierte Kloeppel in Göttingen Agrarwissenschaften. In den Jahren 1983 bis 1985 besuchte er die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. 

Medialern.de sprach mit ihm über seine Ausbildung, die Chancen von Nachwuchsjournalisten.

Medialern.de: Sie sind studierter Argraringenieur. Wie war Ihr erster Kontakt mit dem Journalismus?

Peter Kloeppel: Den ersten Kontakt mit dem Journalismus hatte ich in den 60er Jahren, als ich im zarten Alter von fünf bis sechs Jahren anfing, Zeitung zu lesen - die FAZ. Meine Eltern hatten sie abonniert und ich las mit steigendem Interesse in diesem riesigdicken Blatt - vor allem am Wochenende konnte man das Gewicht der Zeitung ja schon fast in Kilogramm angeben. Damals konnte ich mir noch nicht vorstellen, selbst journalistisch tätig zu werden. Das änderte sich während des Studiums. Ich merkte, dass ein Dasein als Landwirt mit eigenem Bauernhof nichts für mich wäre. Viel lieber wollte ich übergreifend arbeiten: Es war mir ein Anliegen, anderen Menschen Dinge aus der Landwirtschaft zu erklären, die vielleicht auch mir einmal schleierhaft waren - etwas Licht in das Wissensdunkel zu bringen. Es lag nahe, an Agrarjournalismus zu denken - immer mit dem Wunsch im Hintergrund, Wissenschaft und Journalismus zu verbinden. Daraufhin bewarb ich mich nach Studienabschluss bei der Hamburger Journalistenschule, die heute Henri-Nannen-Schule heißt.

Medialern.de: Glauben Sie, ein Bewerber ohne journalistische Vorkenntnisse, hat heute eine Chance auf eine Ausbildung in einer Journalistenschule?

PK: Das möchte ich nicht ausschließen. Es kommt sehr darauf an, wie man sich in der zweitägigen Auswahlprüfung bewährt. Natürlich hatte ich damals keine journalistische Vorkenntnis, aber ich habe mich gut vorbereitet und wusste in etwa, was mich erwartet. Außerdem gaben Prüfer auch Hilfestellungen: Wenn eineReportage zu schreiben war, wurde uns schon gesagt, dass es nicht darum geht, eine Nachricht, einen Bericht oder Kommentar zu verfassen, sondern eben eine Geschichte über Menschen. Alles andere musste ich auf mich zukommen lassen. Ich sagte mir: gut, ich habe zwar keine journalistischen Erfahrungen, aber genau darum möchte ich ja auf eine Journalistenschule. Wer heute genauso mit einer gewissen Unbefangenheit, etwas Selbstbewusstsein und dem Willen, etwas zu bewegen an die Auswahlprüfung herangeht und sich auch noch gut verkaufen kann, hat sicherlich die Chance, bei einer Journalistenschuleangenommen zu werden.

Medialern.de: Von der Journalistenschule zum Anchorman bei RTL - wie haben Sie das gemacht?

PK: Während der Journalistenschulzeit habe ich vier dreimonatige Praktika gemacht: in der badhomburgischen Lokalredaktion der Taunuszeitung, im Wirtschaftsteil der Stuttgarter Zeitung, im Wissenschaftsressort vom stern und von Januar bis April 1985 bei RTLplus in Luxemburg - damals ein kleiner Sender mit 50 -60 Angestellten. Dort habe ich mich in der Nachrichtenredaktion wohl gefühlt. Die Leute in Luxemburg waren wohl der Meinung, "mit dem Kloeppel" könne man etwas anfangen. So kam ich an das Angebot, als Korrespondent in die damalige Bundeshauptstadt Bonn zu gehen. Diese Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen, denn Agrarjournalist konnte ich ja immer noch werden. Daraus wurde nichts mehr - aus der Fernsehkarriere dann umso mehr.

Medialern.de: Wann ist ein Anchorman ein guter Anchorman?

PK: Ein Anchorman ist dann gut, wenn er nicht sich, sondern dieNachricht in den Vordergrund stellt und weiß, wie wichtig grundsätzlich eine Nachricht ist. Er sollte eine gute Allgemeinbildung haben und Fremdsprachen beherrschen. Erfahrungen als Reporter sind genauso wichtig wie eine längere Mitarbeit in einer Redaktion. Gut ist es, wenn man in dieser Zeit politische Erfahrung gesammelt hat. Grundsätzlich muss ein Anchorman, aber auch jeder (Nachrichten-)Moderator, die Fähigkeit haben, schwierige Sachverhalte einfach und verständlich darzustellen und zwar auch ohne dies vorher auf Papier gebracht zu haben. Er muss also eine Information, die er hat -oder seine Gedanken dazu- Freischnauze so formulieren können, dass die Empfänger sie verstehen.Wenn ein Anchorman das alles kann und es dann noch schafft, dass das Publikum ihm gerne zuhört und vertraut - er also eine Art Beziehung zum Publikum aufbauen kann -ist er ein guter Anchorman.

Medialern.de: Was ist ihr Verständnis von Nachrichten?

PK: Nachrichten sind Dinge über die Journalisten berichten und dabei interessant und relevant für den Rezipienten sein sollten. Eine Nachricht hat unterschiedlichen Stellenwert in verschiedenenMedien. Es gibt also beispielsweise in der Tageszeitungsredaktion ganz andere Bewertungsmaßstäbe dafür, welche Nachricht wichtig ist oder was zu einer Nachricht wird als das bei einem Wochenmagazin oder einem Fernsehsender der Fall ist. Worin sichJournalisten aber immer einig sind: Eine Nachricht ist ein Faktum, das es zu berichten gilt, weil es für den Leser oder Zuhörer von Bedeutung ist.

Medialern.de: Was sagen Sie zu dem Zitat von Peter Hahne: "Jemand, der Nachrichten macht, macht Nachrichten, damit sich Leute danach richten"?

PK: Man kann seinen Beruf als Berufung verstehen und sich so verhalten, dass man sagt: "Alles was ich hier zu verkünden habe, ist etwas, wonach ihr euch zu richten habt". Das ist ein Zitat von Peter Hahne, das man zum Teil unterschreiben kann. Bei derNachrichtenauswahl sollte aber nicht der eigene Geschmack im Vordergrund stehen. Denn die Frage, zu entscheiden, ob das was ich für eine Nachricht halte, ein Kompass für das Leben der Rezipienten ist, ist eine Frage, die ich nicht jeden Tag ohne Weiteres beantworten kann. Es gibt nämlich viele Dinge, die mich interessieren, aber keine relevante Nachricht für die Zuschauer ist und umgekehrt. Man muss einen Mittelweg finden. Wenn man einen festausgerichteten journalistischen Kompass als Wegweiser zu diesem Mittelweg hat, ist das grundsätzlich keine schlechte Sache für einen Journalisten.

Medialern.de: Wie bekommt man einen solchen festausgerichteten Kompass?

PK: Was für die Menschen eine Relevanz hat und somitberichtenswert ist, bekommt man als Journalist recht schnell mit. Die Fähigkeit, Nachrichten auszuwählen wird mit steigender journalistischer Erfahrung immer ausgeprägter. Der Kompass besteht aber aus mehreren Faktoren -nicht nur aus der journalistischen Erfahrung, sondern auch aus der eigenen Sozialisation und ist von Medium zu Medium unterschiedlich ausgerichtet. Was also für einen Fernsehsender berichtenswert erscheint, muss am nächsten Tag nicht in der Zeitung stehen. Fernsehen lebt eben viel mehr von Bildern als Zeitungen, die mehr von Texten leben. Grundsätzlich denke ich aber, das jederJournalist einen solchen Kompass hat und die Summe dieser relativ gleich gerichtet ist.

Medialern.de: Wie schätzen Sie die Chancen eines journalistischen Praktikums ein?

PK: Jeder, der in einen Beruf hineinschnuppern und herausfinden möchte, ob der Beruf zu einem passt, sollte zu diesem Zweck ein Praktikum absolvieren und mit Leuten sprechen, die den Beruf schon mehrere Jahre ausgeübt haben. Denn es kann nur jemand wissen, wie es in einem Berufsfeld zugeht, der dort auch schon gearbeitet hat. Praktika sind also wichtig. Es ist aber ein Irrglaube, dass man durch mehrere Praktika besonders gut geworden ist. Wenn hier jemand mit 28 Jahren reinkommt und mir zwar ein abgeschlossenes Studium vorweisen kann, aber nach der Uni nur Praktika gemacht hat, ist das nicht das Entrée, das ich mir vorstelle...

Medialern.de: Sehen Sie bei Praktika nicht die Gefahr der Ausbeutung?

PK: Ich kann nicht ausschließen, dass einige Praktikanten beispielsweise in schlechtbesetzten Redaktionen ausgebeutet werden - wenn man das so böse sagen möchte. Bei RTL ist das definitiv nicht der Fall. Hier werden die Praktikanten an die Hand genommen, wir zeigen ihnen so viel wir können und hoffen, dass sie etwas lernen in den drei bis vier Wochen, in denen sie hier sind.
Praktika, in denen der Praktikant relativ schnell rausgeschickt wird, Verantwortung übernimmt, "ausgebeutet" wird, sollte man als Chance und Herausforderung sehen, denn als Praktikant will man ja arbeiten. Wenn einem aber zu viel aufgebürdet wird, sollte man mit den Kollegen reden und sie darauf hinweisen, dass man zum reinschnuppern da ist und keinen festangestellten, fertig ausgebildeten Arbeitnehmer ersetzt.

Medialern.de: Was geben Sie einem Nachwuchsjournalisten mit auf den Weg?

PK: Das was ich allen Journalisten mit auf den Weg gebe, nicht nur jungen, auch alten, mit denen ich mich unterhalte und diskutiere, wie man sich immer wieder neu motivieren kann. Versuchen Sie, kreativ und besser als die Konkurrenz zu sein. Haben Sie Ideen und diskutieren Sie diese mit anderen. Sitzen Sie nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern suchen Sie den Austausch. Haben Sie keine Scheu, raus zu gehen. Lernen, Journalist zu sein, kann man nicht nur hinter dem Redaktionsschreibtisch. Man muss raus, an die Orte, wo Geschichten entstehen. Nur dort bekommen Sie die Eindrücke, die Ideen und die Menschenkenntnis, die Sie als Journalistbrauchen, um gut arbeiten zu können.

Medialern.de: Vielen Dank für das Interview.

[ Geändert: Dienstag, 6. August 2013, 21:02 ]