Blogeinträge von Stefan Rippler

Weltweit öffentlich

Studium ist fast Pflicht

Andreas Heimann (dpa) ist seit 2001Chef vom Dienst und außerdem verantwortlicher Redakteur für die Bereiche Beruf und Bildung sowie Geld und Finanzen.
Medialern.de sprach mit ihm über den Berufseinstieg.

Medialern.de: Wie sieht die Lage im Blick auf die Berufsperspektive bei den Agenturen aus?

Heimann: Die Agenturen sind in der Medienbranche nur kleine Arbeitgeber. Einzelne Großverlage haben mehr Mitarbeiter als alle in Deutschland vertretenen Agenturen zusammen. Einerseits trifft die Medienkrise die Agenturen nicht so stark wie Verlage, die auf das Anzeigengeschäft angewiesen sind, weil Agenturen sich nicht durch Werbung finanzieren.Andererseits kann es den Agenturen nicht gut gehen, wenn es den übrigen Medien, für die sie arbeiten, schlecht geht. Insofern hat die Medienkrise die Agenturen längst erreicht. Andererseits weiß niemand genau, wie sich die Branche in den kommenden Monaten entwickelt. Vielleicht ist die Krise bald Geschichte. Auch dann bleibt die Chance auf einen Arbeitsplatz bei einer Agentur aber kleiner als bei anderen Medien.

Medialern.de: Sehen Sie ein Studium als zwingende Voraussetzung für eine Festanstellung?

Heimann: Wenn man die Frage pragmatisch angeht: ja. Fast überall geht es einfach nicht mehr ohne Studium - ob man Lokalredakteur bei einer Regionalzeitung werden will oder ins Hauptstadtstudio der ARD möchte. Die Zahl der Bewerber um einVolontariat ist schon lange so groß, dass die Medien auswählen können - und müssen. Dabei ist zum ungeschriebenen Gesetz geworden, ein Studium vorauszusetzen.

Ob das gut ist? Natürlich ist jemand, der ein paar Jahre lang irgendetwas vor sich hinstudiert hat, deshalb kein potenziell besserer Journalist als jemand, der eine nichtakademischeAusbildung hat.

Aber ohne Studium ist es noch viel schwieriger als mit einem Abschluss, überhaupt an einen Ausbildungsplatz und hinterher an eine Stelle zu kommen. Und in bestimmten Redaktionen haben Nicht-Akademiker so gut wie überhaupt keine Chance.

Medialern.de: Was halten Sie von einem Journalistik-Studium?

Heimann: Es ist erstens sehr viel besser als sein Ruf und zweitens sehr viel besser als etwa vor zehn Jahren. Der Ruf ist allerdings miserabel, das sollten Berufsanfänger wissen: Ich habe mehrfachJournalisten getroffen, die ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, ihre Verachtung für Journalistik-Studiengänge gezeigt haben.

Dahinter steht die Vorstellung, dass man Journalismus nicht studieren könne und andere fachliche Qualifikationen wie durch ein Wirtschafts- oder Politikwissenschaftsstudium sinnvoller seien. Ich sehe das nicht unbedingt so: Sich mit Medien und mit journalistischem Arbeiten auch schon an der Uni zu beschäftigen, halte ich auf keinen Fall für verkehrt.
Insgesamt nehmen die Vorurteile gegenüber Journalistik-Studenten auch ab - trotzdem gilt jemand, der ein Journalismusstudium mit Magister abschließt, kaum irgendwo als ausgebildeter Journalist. Für Diplom-Journalisten wie aus Dortmund gilt das sicher so nicht. Einer meiner Kollegen hat dort übrigens studiert, und ich habe den Eindruck, er hat da eine Menge gelernt.

Medialern.de: Was soll man studieren, wenn nicht Journalistik oder Germanistik?

Heimann: Gegen Journalistik spricht nichts - es muss im Magisterstudium ja auch kein Hauptfach sein. Auch Germanistik ist okay. Dass dieses Fach in irgendeiner spezifischen Weise auf den Journalismus vorbereitet, ist aber ein verbreiteter Irrtum. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun - ich sage das, obwohl ich selbst Germanistik studiert habe: Damit erwirbt man bestenfalls Kenntnisse über Literatur und Sprachwissenschaft.

Das kann nie schaden, ist aber in den wenigsten Redaktionen gefragt. Die Stellen für Literaturkritiker im Feuilleton sind extrem dünn gesät. Die Vorstellung, Germanistikstudenten hätten durch ihre Vorliebe für Literatur eine besondere Begabung zum Schreiben, ist kompletter Quatsch. Literarisches und journalistisches Schreiben haben auch nur entfernt miteinander zu tun: Fiktion und Fakten sindin der Regel sogar Gegenpole. Und wer allzu viel poetisches Talent besitzt wie Tom Kummer vom Magazin der "SZ" oder Jayson Blair, der für die "New York Times" die tollsten Reportagen erfunden hat, ist wahrscheinlich journalistisch gerade daran gescheitert, den Unterschied zwischen beidem nicht verstanden zu haben.

Welches Studium besser als Germanistik ist, lässt sich pauschal aber nicht beantworten: Grundsätzlich sind in den Medien künftig stärker Kompetenzen gefragt, wissenschaftliche, technische, wirtschaftliche, medizinische oder juristische Zusammenhänge anschaulich zu erklären. Alle Fächer, die einem helfen, das zu können, sind deshalb sinnvoll - das kann Ernährungswissenschaften ebenso sein wie Wirtschaftsinformatik. Gut ist alles, womit man sich zusätzlich qualifiziert und von anderen abhebt.

Medialern.de: Wie sieht es mit Journalistenschulen aus?

Heimann: In dem Punkt bin ich befangen - weil ich selbst auf der Henri-Nannen-Schule in Hamburg gewesen bin. Die Ausbildungdort gehört meiner Überzeugung nach auch zu den besten, die es inDeutschland gibt.

Journalistenschulen haben jedoch ganz klar Nachteile: Anders als im Volontariat gibt es kein Tarifgehalt, zum Teil wie an der BerlinerJournalistenschule sogar gar kein Geld. Üblicherweise besteht keine Übernahmemöglichkeit: Anders als bei jeder noch so kleinenTageszeitung gibt es nicht die Perspektive, im eigenen Verlagshaus in einer Redaktion zu bleiben, in der man während der Ausbildungwar. Und schon die Chance, aufgenommen zu werden, ist in der Regel denkbar schlecht: Meistens kommen auf einen Platz mehrere hundert Bewerber.

Journalistenschulen haben aber auch große Vorteile: Erstens wird man nicht nur bei einem Medium - etwa Zeitung oder Rundfunk - ausgebildet, sondern lernt unterschiedlichste journalistische Arbeitsfelder kennen. Das ist immer gut, selbst wenn man hinterher doch nur in einem Bereich bleibt. Ich habe an der Henri-Nannen-Schule zum Beispiel - ansatzweise - auch gelernt, wie ein Fernsehmagazin produziert wird und bei einem Praktikum beim NDR selbst etliche Radiobeiträge gemacht, auch wenn ich seitdem damit nie wieder etwas zu tun hatte.

Zweitens haben zumindest die renommierten Journalistenschulenwie auch die in München meistens gute Referenten und Möglichkeiten, für die Praktikumsphasen Wege in Redaktionen zu bahnen, in die viele andere Bewerber kaum hineinkommen. Drittens sind die Berufsperspektiven zumindest besser als bei vielenVolontariaten.

Medialern.de: Was halten Sie von einem journalistischen Praktikum - Einstiegschance oder Ausbeutung?

Heimann: Im besten Fall beides, wenn Ausbeutung heißt, dass der Praktikant bei dem Medium möglichst viel selbst arbeiten kann - und dann auch manchmal arbeiten muss. Praktikanten, die viel um die Ohrenhaben, sind in der Regel gute Praktikanten. Dass sie selten toll bezahlt werden, kann man beklagen. Praktika sind eben doch eher eine Investition in die Zukunft.

Wer Journalist werden will, kommt nicht daran vorbei - Journalismus ist nun einmal Praxis. Ich habe durch Praktika viel gelernt - bei der kleinen Lokalzeitung genauso wie in der Auslandsredaktion der "taz" oder im Dossier der "ZEIT". Was allerdings Unsinn ist, sind unzählige, wahllose Praktika in unterschiedlichsten Branchen.

Medialern.de: Was ist Ihre Aufgabe als Chef vom Dienstbeim dpa/gms Themendienst?

Heimann: Es gibt beim Themendienst zwei Chefs vom Dienst, die sich verschiedene Aufgaben gleichberechtigt teilen. Anders als die übrigen Redakteure arbeiten sie stärker organisatorisch und sind für den möglichst reibungslosen Ablauf des Redaktionsalltags verantwortlich.

Außerdem lesen sie alle Texte, die gesendet werden sollen, noch einmal Korrektur. Und sie sind üblicherweise diejenigen, die tagsüber die aktuellen Meldungen redigieren und in den Dienst geben. In jedem Fall ist es mehr Dienst als Chef. Der wirkliche Chef ist die Chefredakteurin: Hilke Segbers.

Medialern.de: Auf welche Themen ist Ihre Redaktion spezialisiert?

Heimann: Der Themendienst macht die Agenturberichterstattung für die so genannten Themenseiten in den Tageszeitungen: beispielsweise Tourismus/Reise, Auto und Verkehr, Gesundheit, Lifestyle, Beruf undBildung, Recht und Verbraucher, Geld und Finanzen, Frauen und Familie, Garten und Umwelt.

Medialern.de: Greifen Sie auch auf die Texte von Freien zurück oder schreiben nur Festangestellte für den Themendienst?

Heimann: Es gibt auch viele Freie, die für uns schreiben. In der Regel sind das allerdings Journalisten, zu denen wir seit langem Kontakt haben. Wir verwenden keine unaufgefordert eingeschickten Manuskripte, und wir vermeiden es, Texte von Freien abzunehmen, die nur sporadisch für uns arbeiten wollen.

Medialern.de: Was unterscheidet die Arbeit beim Themendienst von der Arbeit bei klassischenNachrichtenagenturen?

Heimann: Wir kümmern uns um solche Themenfelder, die von den traditionellen Ressorts einer Nachrichtenagentur - Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur - nicht abgedeckt werden. Vor allemunterscheiden wir uns etwa vom Basisdienst der DeutschenPresse-Agentur dadurch, dass wir im großen und ganzen nicht tagesaktuell arbeiten.

Ein wichtiger Unterschied ist außerdem, dass wir versuchen, ratgeberorientiert zu schreiben: Ein Text für den Themendienst soll nicht einfach die bekannten W-Fragen beantworten, sondern dem Leser auch sagen, was das denn nun für ihn bedeutet, was er daraus schließen kann und was er tun sollte. Das gilt für einen Text über niedrige Zinsen für Darlehen genauso wie bei einem Artikel über Multiple Sklerose. Der Themendienst stellt nicht die Frage "Was heißt das für die Wirtschaft?" oder "Was bedeutet das politisch?", sondern "Was kann der Verbraucher tun?". Und der Verbraucher - das sind wir alle.

Medialern.de: Vielen Dank für das Interview, Herr Heimann.

[ Geändert: Dienstag, 6. August 2013, 21:01 ]