Medienrevolution und Journalistenalltag

Überall Bits und Bytes, Nullen und Einsen. Die Digitalisierung schreitet voran, die Welt dreht sich scheinbar schneller: Nachrichten sekundenaktuell im Web lesen, gleichzeitig Radiohören über das Internet, Fernseh- oder Videobeiträge online abrufen, Live-Streams gucken, Podcasts abonnieren und von fast überall auf der Welt Informationen nutzen zu können, wird für uns immer selbstverständlicher. Und der Journalist von Morgen? Er kommuniziert schneller mit Informanten oder Redaktionen – per Handy, E-Mail, Blackberry und auf vielen anderen digitalen Wegen; es recherchiert sich leichter – dank zahlreicher Online-Archive, dank E-Mail und dank der Suchmaschinen.

Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“ erklärt: „Seit es Google gibt, ist die Mindestfallhöhe der deutschen Durchschnittsrecherche gestiegen. Früher war es für manche Kollegen schwierig, überhaupt an Informationen zu bestimmten Themen zu kommen. Heute nicht mehr.“ Andere hingegen beklagen den Verfall der Recherche: Es würden immer mehr Artikel einfach „ergoogelt“. Ja und nein: Auch die Leser haben Google entdeckt. Daher ist Wegner überzeugt: „Es ist für Journalisten schwerer geworden, Beiträge zusammenzukopieren.“ Das Internet sieht Wegner als klare Chance für den Qualitätsjournalismus.

Die Digitalisierung erleichtert also einerseits die Arbeit des Journalisten: Er kommt leichter an Informationen und kommuniziert schneller mit Redaktion oder Informant. Neue Medien heißt meist auch: Neue stilistische und technische Herangehensweise. Ein Beispiel: Für Online-Medien braucht der Journalist von Morgen nicht nur einige Technikkenntnisse, er muss auch wissen, wie er Inhalte onlinespezifisch aufbereiten muss, damit sie vom Online-Nutzer auch gelesen, gehört oder angesehen werden. 

Prof. Siegfried Weischenberg von der Universität Hamburg hat in seiner Studie „Journalismus in Deutschland 2“, herausgefunden, dass der Journalist zukünftig mehr zu tun haben wird als noch vor einigen Jahren: Immer mehr Journalisten liefern nicht nur Textenoder ausschließlich Hörfunk- und Fernsehbeiträge. 

Sie produzieren auch andere Medienprodukte. Der Print-Redakteur bei der Tageszeitung schreibt vielleicht auch Online-Nachrichten, schießt Fotos, produziert einen Radiobeitrag oder verfasst SMS-Kurzmeldungen und dreht Videobeiträge, die dann online betrachtet werden können. Zusätzlich kümmert er sich mehr und mehr um Organisatorisches. 

Außerdem setzt er sich zunehmend mit Technik auseinander. Redaktionssysteme, Grundlagen der Hörfunk- und Videotechnik sowie Content-Management-Systeme zu beherrschen, wird selbstverständlich sein – so jedenfalls die Ergebnisse von Weischenbergs Studie.

Der Journalist der Zukunft arbeitet multimedial

Daniel Bouhs, freier Journalist aus Mainz, sieht anders in seine Zukunft: „Ich glaube nicht, dass ich multimedialer Allroundjournalist werde. Wenn ich neben dem Schreiben auch mit Videokamera, Fotoapparat und Mikrofon herumlaufen müsste, würde mein journalistisches Produkt - und damit meine ich „nur“ den Text - leiden. Ich kann mir zwar vorstellen, dass ich Interviews nicht mehr mit Diktiergerät, sondern mit einem Minidisc-Rekorder führen werde, damit ich aus den O-Tönen auch einen Radiobeitrag bauen und diesen verkaufen kann. Und vielleicht werde ich auch ab und an fotografieren, Synergien nutzen, mich den Medien der Zukunft nicht verschließen – aber ich werde kein Allrounder werden, der mindere inhaltliche Qualität liefert.“

In einem Interview mit Professor Ewald Wessling haben wir genauer nachgefragt: Welche Entwicklungen des medialen Umbruch lassen sich nachzeichnen und was bedeutet das für die journalistische Arbeit? Das wollten wir von ihm wissen.

 

 

Um in Zukunft einen Job in der Medienwelt zu bekommen, muss man also nicht gleich der perfekte multimediale Allrounder sein. Crossmediales Denken und multimediales Arbeiten werden künftig trotzdem vorausgesetzt. Dr. Kai Viktor Burr, Personalchef von Hubert Burda Media: „Diese Fähigkeiten gehören zum Einmaleins, so wie es früher wichtig war, eine gute Geschichte schreiben zu können.“ Aktuelle Entwicklungen in der Medienbranche bestätigen das: 

Axel Springer startete den nach eigenen Angaben größten Newsroom Deutschlands. Christoph Keese, ehemaliger Chefredakteur der „Welt am Sonntag“: "Moderne Medien sind erfolgreich, wenn sie ihre Leser über alle Kanäle erreichen, die technisch verfügbar sind. Entscheidende Voraussetzung ist ein zentraler Newsroom, in dem die Macher aller Medien-Gattungen zusammenarbeiten.“

Ähnlich formuliert es Manuel J. Hartung, Geschäftsführer von ZEIT Corporate Publishing-Sparte: „Man verschenkt Potenzial, wenn man journalistische Kompetenz nicht multimedial nutzt“, allerdings dürfe man nicht vergessen, so Hartung weiter, „dass nach wie vor die klassischen journalistischen Kompetenzen am entscheidendsten sind. Die Recherche darf nicht leiden. Mangelnde Recherche bedeutet schwindende Qualität und Glaubwürdigkeit. Das darf sich ein Qualitätsmedium nicht leisten.“

Hubert Burda Media sieht sich, so Burr, als „Verlagshaus in transition von analog zu digital“ und richtet seine Journalistenausbildung zunehmend crossmedial und multimedial aus. Die Redaktionen vom Nachrichtenmagazin „Focus“, „Focus TV“ und „Focus Online“ arbeiten sich gegenseitig zu und produzieren multimediale Inhalte.

Spiegel Online nennt sich nun DER SPIEGEL. Die Redaktion von Print und Online vereinten sich.

Bertelsmann baut Multimedia- und Crossmedia-Angebote aus. Die Süddeutsche Zeitung stockt die Online-Redaktion enorm auf. 

Handwerklich ein Allrounder, inhaltlich ein Spezialist

Der Journalist von morgen arbeitet also multimedial. Prof. Dr. Michael Haller, Journalistik-Professor an der Universität Leipzig, hat in einer Studie mit dem Titel „Zukunft des Journalismus“ aber noch mehr herausgefunden: „Die Spezialisierung zwischen den Textsorten verschwindet zugunsten eines Allround-Journalisten, der sich zwischen Nachricht, Reportage und Kommentar souverän bewegen wird. Allerdings: Die Spezialisierung auf den Themenfeldern schreitet voran.“

Das heißt zweierlei: Zum einen, dass der Journalist der Zukunft ein „handwerklicher“ Allrounder, „thematisch“ aber auf ein oder wenige Sachthemen spezialisiert sein wird.

Worauf diese „inhaltliche Spezialisierung“ gründet? Das hat damit zu tun, dass „der Journalismus als Vorreiter [einer] Entwicklung [gilt], die immer mehr Berufstätige ohne festes Anstellungsverhältnis hervorbringt“ wie Weischenberg in seiner Studie schreibt. Dass der Anteil der hauptberuflich tätigen freien Journalisten heute deutlich niedriger ist als noch 1993, mag da zunächst verwundern. Betrachtet man weitere Ergebnisse der Weischenberg-Studie, löst sich das scheinbare Paradoxon schnell auf: Es gibt zwar weniger freie Journalisten, die mehr als 50 Prozent ihres Einkommens aus ihrer journalistischen Arbeit beziehen bzw. mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit journalistisch tätig sind. Es schreiben aber vermutlich mehr freiberuflich bei Zeitungen als noch 1993, „doch die kargen Zeilenhonorare erlauben ihnen nicht, dies hauptberuflich zu tun.“

Das heißt: Sich als Berufseinsteiger darauf vorzubereiten, später einmal frei zu arbeiten, schadet nicht – und wenn man sich als Freier auf ein oder mehrere wenige Themen spezialisiert, sich Expertenwissen aneignet, kann man sich besser verkaufen, als ein vermeintlicher Generalist, der ständig nur an der Oberfläche verschiedener Themen kratzt.

Zuletzt geändert: Donnerstag, 23. Januar 2020, 10:13